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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 Konzertberichte
Gardner Offline




Beiträge: 2.321

19.07.2009 19:19
Blues & Jazz Rallye am 18.07.2009 in Luxemburg City antworten

Prolog
Berlin ist eine Reise wert…Luxemburg sicher zwei oder von mir aus auch drei oder vier bis unendlich, denn nach meinen beiden Besuchen in dieser Stadt und das jeweils zu den Terminen der Blues & Jazz Rallye, freue ich mich schon jetzt auf die Weiterführungen dieses grandiosen Musikevents.

Damit ist schon einiges gesagt zu der Güte der diesjährigen Veranstaltung. Im letzten Jahr bin ich gehörig ins Schwärmen gekommen und kann heute am „Tag danach“ selig weiter schwärmen. Ein wenig gefangen im Jetlag zwar, ich war erst gegen 5:30 Uhr wieder in heimischen Gefilden, immer noch gehörig aufgekratzt vom Adrenalin der davor liegenden Stunden, der Fahrt, der Musik, den Begegnungen, der gesamten Atmosphäre.

Doch der Reihe nach.

Mein treues Gefährt kann ich endlich nach einigen Parkplatzsuchrunden an einem sicheren Platz abstellen. Es ist gegen 17Uhr. Im Regen bin ich zu Hause gestartet, im Sonnenschein und unter einem vom mit weißen Wolken getupften Himmel bin ich in Luxemburg gelandet. Und die Götter des Blues meinen es auch dieses Mal gut mit diesem außergewöhnlichen Festival, den Künstlern und den Tausenden von Besuchern: Erst auf dem Rückweg zum Auto, irgendwann nach drei Uhr, beginnt ein leichter Nieselregen.

Ich mache mich auf den langen Weg durch Luxemburgs Unterstadtviertel Clausen und Grund, entlang am Ufer der Alzette, hier und da werden Verpflegungsstände auf gebaut, aus allen Richtungen ertönen mehr oder weniger dumpf Soundchecks. Ich versuche mir ein wenig Orientierung zu verschaffen, die Konzerte, die ich mir anzusehen gedenke, finden nicht alle auf einer Bühne statt, sondern liegen etwas verteilt, aber im Zeitplan eng bei einander. Schon jetzt wird mir klar, dass ich mein gesetztes Pensum nicht schaffen werde. Also muss ich Schwerpunkte setzen.

Als ich endlich an der Montée de la Petrusse ankomme, tippt mir jemand auf die Schulter: „Hey man. Great to see you again, it’s a small bluesworld.“ Sean Carney, der Mann aus Columbus, Ohio, den ich vor ein paar Monaten auf dem Festival im belgischen Bierbeek kennen gelernt habe, grinst mich unter seinem weißen Strohhut an. Die erste nette Überraschung. Er kommt gerade vom Soundcheck, um 21 Uhr wird er hier auf der Bühne stehen. „I’ll be there…“, verspreche ich ihm und mache mich auf den Weg zur Tunnel Stage.

Reverend Rusty & The Case sind gerade beim Soundcheck. Mit den drei Bayern ist es auch ein nettes Wiedersehen, wir unterhalten uns über dies und das und vor allem über die kaum nachvollziehbaren Eigenheiten des Drummers der Band Lightnin’ Bug, der partout auf den Einsatz seines eigenen Drumkits besteht, während sich Al Wood schon mit Trevor Barr, dem Schlagwerker von Danny Bryant’s Redeye Band auf dessen Set geeinigt hat, um bei den Umbaupausen Zeit zu sparen. Um 21:30 Uhr werden die drei Münchener ihr Konzert beginnen.

Es ist noch Zeit, so schlendere ich noch etwas durch die Gassen.

Konzerte
21:00 Uhr Sean Carney
Wie schon in Bierbeek hat Sean Chris Brezicki am Kontrabass und Eric Blume an den Drums dabei. Seine Gitarre ist diesmal eine Fender Tele in Butterscotch Finish. Das Griffbrett trägt die Spuren intensiven Bespielens. Sean Carney ist ein Gitarrist, der egal auf welchem Gitarrenmodell auch immer seinen Sound findet. Klar und jazzig angehaucht kommt die Telecaster über den kleinen Music Man- Amp. Über seine Spielweise brauche ich nicht mehr allzu viele Worte zu verlieren. Ich weiß, dass mich hier 1A Qualität erwartet und diese Erwartung wird keinesfalls enttäuscht. Sean ist in bester Spiellaune, seine beiden Mitspieler ebenfalls. Die Bühnenshow ist gelungen, Spaß ist trotz der hochgradig musikalischen Leistung kein Tabu und so kommt das Trio bestens beim Publikum an. Ich bin froh, dass ich diese Musiker ein zweites Mal in diesem Jahr erleben kann.



21:30 Uhr
Reverend Rusty & The Case

Bei einer Rallye heißt es ja bestimmte Zielpunkte innerhalb bestimmter Zeitfristen zu erreichen. Die Tunnel Stage liegt nur wenige hundert Meter entfernt. Rusty und seine beiden Mitstreiter Al Wood (Drums, Percussion & Gesang) und C. P. (Bass, Kontrabass, Tuba und Gesang) spielen quer durch ihr Repertoire. Und dass die Jungs gut sind, durfte ich ja schon im letzen Jahr auf der Burg Satzvey erfahren. Hier geht die buchstäbliche Post ab. «Hand Made Music» eben. Und wieder einmal stimmt alles: Sound, Titel, musikalisches Handwerk. Und wieder klar: Ein Höhepunkt ist Rory Gallagher’s «Goin’ To My Hometown» mit Rusty am Gesang und an der Mandoline, C. P. an der Tuba und Al an den Percussions. Für mich immer eine Empfehlung: Bester Blues(Rock) made in Bavaria vom «Preacher Man».



23:00 Uhr
Sonny Rhodes & R. J. Mischo

Tja. Für mich das absolute Highlight unter all den Glanzlichtern dieses Abends. Zunächst R.J. Mischo als Frontman mit der Band bestehend aus: Donnie Romano (Gitarre), Carlo Romagnoli (Bass), und Davide Malito (Drums), die alle ein Jahr zuvor bereits mit Brian Templeton auf der gleichen Bühne spielten. R. J. Mischo’s Harpeinsatz ist gelinde gesagt grandios, da facettenreich und meisterlich gespielt. Gesanglich weiß er ebenfalls zu überzeugen. Ich stehe vor der Bühne und bin einfach nur fasziniert von dem, was sich da oben abspielt. Jetzt erst bemerke ich den älteren, gut gekleideten Herrn mit seinem lila Hut, der im Halbdunkel in stoischer Ruhe, fast bewegungslos, im Hintergrund auf einem Flightcase sitzt: Sonny Rhodes.

Und als der nach einigen Songs die Regie auf der Bühne übernimmt, ist so wie so alles zu spät, bzw. auch wieder nicht. Denn was jetzt passiert, kann sich durchaus vergleichen lassen mit meinem Erlebnis mit Eddie Kirkland und der Wentus Blues Band vor einem Jahr an gleicher Stelle. Es ist Zeit für Magie pur. Was der Mann aus Texas hier auf der Gitarre zaubert, diese Licks geprägt von einem unvergleichlichen Feeling, das müsste jedem dieser Highspeedgitarrenfricklervirtuosen die Schamesröte ins Gesicht treiben.



Das Motto «Less Is More» trifft wie ein wohl gezielter Punch mitten und voll in die Magengrube. Und das tut seine Musik ebenfalls. Und sie tut Gutes, sehr Gutes. Nur Gutes. „Als ich jung war, habe ich auf den Feldern Baumwolle gepflückt, ich froh, euch mitteilen zu können, dass ich das nicht mehr nötig habe.“ Der 1940 in Smithville, Texas, geborene Musiker, grinst über beide Backen, als er das dem Publikum preisgibt. Und dieses Grinsen hat etwas derartig Charmantes, dass es einen auf der Stelle in seinen Bann zieht. Er belohnt uns, das Publikum, damit für den Applaus, den es für seine Musik spendet.

Sonny Rhodes lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als es nicht gleich alles funktioniert, als ihm die Lapsteel Gitarre gereicht wird und er sich auf einen Stuhl setzt und die Kabel sich dabei in einander verdrehen. „Dieses Instrument braucht man eigentlich in der Country Musik“, grinst er wieder von der Bühne, „aber ich habe es zu spielen gelernt und aus diesem Hillibilly- Instrument ein Bluesinstrument gemacht.“ Und tatsächlich ertönt die Lapsteel im Sound, den man aus Countrysongs kennt, nur eben eigenwillig anders.

Die Band ist prächtig aufeinander eingespielt, die Harplicks von R.J. Mischo und die Gitarrensoli von Donnie Romano tun das Ihrige und die Bass- Drum Kombination liefert das solide Fundament für diesen musikalischen Wolkenkratzer. Ich schwärme? Ja. Zutiefst. Und dieses Schwärmen gibt nur einen blassen und halbblinden Spiegel von dem wieder, wie es wirklich bei mir angekommen ist. Musik mit Leib und Seele für Leib und Seele. Mit Tiefgang und bester Laune. Was will man mehr? Das dicke Ausrufezeichen hinter einen gelungen Bluesabend. Der letzte Titel «Shaky Ground» bestätigt dieses noch mal. Sonny und R. J. signieren noch CDs. Von Beiden nehme ich einen Gruß für die Hörer von JJBR mit. Und sage danke, danke für dieses Erlebnis, der ganz anderen, da magischen Art.

Irgendwann nach ein Uhr…
Danny Bryant’s Red Eye Band

Eigentlich habe ich Danny und seine Band schon abgeschrieben für diesen Abend, doch ich komme noch rechtzeitig zum phänomenalen Zugabeblock des jungen, gitarrenbeseelten Briten. Kann das sein? Ist der tatsächlich noch besser geworden? Mir kommt es so vor. Wie ein Derwisch fegt Danny über die Bühne. Vater Ken steht die ganze Zeit ein freudiges Lachen ins Gesicht geschrieben. Danny im Dialog mit einigen faszinierten Jugendlichen direkt vor der Bühne. Das scheint ihn so richtig anzuspornen. Die Finger fliegen über die Saiten. Noch ein veritabler Knaller an diesem Abend. Ja, es tut gut, Danny wieder zu sehen. Und Spaß macht es zudem. Mensch, ist der Junge gut. Der Sound stimmt. Alles stimmt. Klasse, Super. Weiter so.



Nach dem Gig noch ein kurzes Gespräch mit dem Papa, der sich gar nicht mehr einkriegen kann wegen dieser tollen Location, dem Publikum und überhaupt. Mit Danny verabrede ich mich dann für November, wenn er wieder in Deutschland ist. Dieses Mal muss einfach wieder mal ein ganzes Konzert von ihm sein. Schon jetzt bin ich gespannt und die Vorfreude hat begonnen zu ticken.

Epilog
Rusty, Al und C.P. haben ihren knallroten Mercedes Transporter direkt neben der Bühne geparkt. Was am Nachmittag zum Vorteil gereichte, stellt sich jetzt als Nachteil heraus. Die Drei wollen ins Hotel, aber Hunderte von Menschen versperren die Ausfahrt. Zu Dritt gehen wir vor dem Wagen her und bitten all die Leute um Verständnis, was sie freundlicherweise aufbringen, nach ein paar Minuten steht der Wagen frei auf der Straße und ist abfahrbereit. Ein kurzer und herzlicher Abschied bis zum nächsten Mal. Und ich ziehe weiter.

Seit 22 Uhr spielen im «Liquid», einer Kneipe, Stinky Lou, Goon Mat & Lord Bernardo ihren Low-Fi Blues. Und magisch zieht es mich hinein, in diese überfüllte Location, um hier noch den musikalischen Absacker zu genießen und um zu erleben, wie sich wieder ein Kreis schließt. Nachdem ich es endlich geschafft habe, mich bis kurz vor die Band durchzukämpfen, klopft mir erneut jemand auf die Schulter: Wieder ist es Sean Carney, der sichtlich angetan ist, von der rauen Art der Musik dieser französisch- belgischen Combo, die im krassen Gegenteil zu seiner Art von Musik steht. „Low, down & dirty: Amazing!“, so sein Kommentar.
Lord Bernardo macht mit seiner Harp einen Ausflug durch die Publikumsmasse. Das Ganze endet in einem Walk auf der Theke. Das «Liquid» brodelt, hier kocht die ausgelassene Stimmung auf höchster Flamme.
Goon Mat, seines Zeichen, Gitarrist, Drummer und Sänger in Personalunion ist völlig geschafft von dem ca. 5- stündigen Konzert, ein reichlich müdes „Salut et à la prochaine..“ von ihm und ein Händedruck zum Abschied, ja, dann bis zum nächsten Mal, Stinky Lou & Co. sind immer ein Treffen wert. Ich mache mich auf den Weg durch die nächtlichen Gassen, in denen noch Hunderte von Menschen gut gelaunt unterwegs sind.

Irgendwann nach drei Uhr bin ich an meinem Auto angelangt. Es hat angefangen zu nieseln. Dieses Nieseln wird sich auf dem ca. 2- stündigen Heimweg noch in massiven Regen umwandeln. Ehrlich gesagt, ist es mir dieses Mal ziemlich schnuppe. Die gute Laune kann mir das nicht nehmen. Ich komme heil und gesund zu Hause an, den Kopf und die Seele voll mit all den Eindrücken, die ich erst einmal verarbeiten muss. Dies hier ist ein kleiner Teil davon. Und wenn er einen kleinen Teil von dem widerspiegelt, was ich gestern erleben durfte, ist schon einiges erreicht.

Danke an die Stadt Luxemburg, an all die Künstler, auch an die die ich leider nicht sehen konnte, toll was hier auf die Beine gestellt wird und Danke an all die Menschen, die für diese einzigartige Atmosphäre sorgen.

Fazit: Wenn mir der Himmel nicht auf den Kopf fällt, werde ich nächstes Jahr – klar – wieder dabei sein, wenn der Startschuss zur nächsten Blues & Jazz Rallye in Luxemburg fällt. Und das kann ich uneingeschränkt auch nur jedem anderen empfehlen.

Text und Fotos © 2009 Tony Mentzel

Tony Joe Gardner

„Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs

"A balance between things that you know people will like and things that you think people will like." - John Peel

Gardner Offline




Beiträge: 2.321

26.07.2009 16:34
#2 RE: Blues & Jazz Rallye am 18.07.2009 in Luxemburg City antworten

Tony Joe Gardner

„Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs

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Blue Bayou Offline



Beiträge: 1.115

26.07.2009 18:56
#3 RE: Blues & Jazz Rallye am 18.07.2009 in Luxemburg City antworten

Wunderbare Fotos sind das!
Emotional, ausdrucksstark und voller Atmosphäre...
...so wie auch der ganze Konzertbericht.
Vielen Dank Tony.

Blue Bayou
Rosie

Rosie`s website:
http://www.roswithageisler.wordpress.com

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Information is not knowledge. - Knowledge is not wisdom. - Wisdom is not truth. - Truth is not beauty. - Beauty is not Love. - Love is not Music. - MUSIC IS THE BEST.
(* Frank Zappa )

Dorah Offline



Beiträge: 76

30.07.2009 17:09
#4 RE: Blues & Jazz Rallye am 18.07.2009 in Luxemburg City antworten

Hallo Gardner! Dein Konzertbericht über das Festival in Luxemburg ist wieder mal richtig interessant. Mann könnte sich direkt ärgern, das man nicht auch mal einfach sowas macht und einfach hinfährt, aber man meint ja immer, das ist zu weit zum Fahren . Ich habe den Bericht jetzt dreimal gelesen und jedesmal hatte ich mehr den Eindruck von dieser tollen Stimmung, die da in den Straßen und Gassen mit den vielen Leuten und den Musikern geherrscht hat. Deine Konzertfotos sind wieder Spitze, wie immer. Ja als Fotograf hat man halt den richtigen Blick für so etwas. Vielen Dank und mach weiter so.
Gruß von Dorah

Gardner Offline




Beiträge: 2.321

06.08.2009 01:20
#5 RE: Blues & Jazz Rallye am 18.07.2009 in Luxemburg City antworten

Tony Joe Gardner

„Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs

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