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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Konzertberichte
Gardner Offline




Beiträge: 2.321

09.06.2009 02:46
Jason Ricci & New Blood am 07.06.2009 im Café de Weegbrug, Roermond (NL) antworten
Die Harp oder auch Mundharmonika ist ein zierliches Instrument, einst gedacht als Begleiter für unterwegs, um auf der Wanderschaft oder im Feld ein gar fröhlich Liedlein erklingen zu lassen, sozusagen das Akkordeon des kleinen Mannes. Da handlich und vor allem erschwinglich und relativ leicht erlernbar.

Dass eben diese Mundharmonika ihren Weg über den großen Teich gemacht hat und dort als „mouthhrp“ weiter lebt und neben dem Blues auch in anderen Musilstilen (Country, Rock, Jazz) zu einem unverzichtbaren Instrument avancierte, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Ebenso, dass es eine Menge gestandener Virtuosen auf diesem Instrument gibt. Little Walter gilt für viele als das große Vorbild. Recht so.

Heute stehe ich einem Vertreter der jüngeren Generation Harper gegenüber: Jason Ricci. Der Name seiner Band «New Blood» ist Programm.

Jason Ricci gibt äußerlich so etwas wie den wilden Punker mit halbseitiger, roter Pumuckelfrisur. Musikalisch ist er ein Tausendsassa allerbester Güte: Stilistisch deckt er die Bereiche, ja, eben von Punk über Rock, diversen Bluesarten bis zum Jazz ab. Und das tut der junge Mann mit solcher Überzeugung und Inbrunst, als gäbe es kein Morgen.

Was Jason Ricci dem kleinen Instrument Harp an Tönen entlockt, ist für einen Normalsterblichen kaum nachvollziehbar.

Ok, die Instrumente mögen modifiziert sein, eine Batterie Effektgeräte für ungewöhnliche Sounds sorgen, am Ende steht aber die Person, die „spielerisch“ damit umgeht. Jason lässt die Harmonika singen, winseln, jaulen, zerren, brachial laut, zerbrechlich leise: Ein Meister der Variation im Ausdruck. Hier klingt das unerhört frisch und neu, dort wieder archaisch und klassisch, zurück zu den Wurzeln eines Little Walters eben. Oder darf’s ein wenig Chopin, «Mache Funèbre» oder Beethovens «Für Elise» sein? Oder die akustische Wandlung der kleinen Harmonika in ein ausgewachsenes Akkordeon für ein instrumental im Walzertakt? Alles das ist möglich dank der Technik und Jason Ricci’s Spielfertigkeit.

Gesanglich verfügt Jason über ein mächtiges Volumen, auch her ist er absolut stil- und treffsicher. Im Timbre erinnert er mich immer wieder an Jim Morrison selig. Vor allem beim Song «As Long As I Have You», der durchaus ein bislang unentdeckter Doors Song sein könnte.

Um noch ein paar weitere Titel des heutigen Abends zu nennen: Little Walter’s Klassiker «Mellow Down Easy», «Broken Toy», das etwas punkige «I Turned To A Martian», «Hip Shake» oder «Drifting Blues».



Unterstützt wird Jason von seiner Spitzenband, allen voran Shawn Starsky aka „Guitarski“ an der Fender Stratocaster. Wieder eins dieser riesigen Talente an den sechs Saiten aus dem schier unerschöpflich scheinenden Pool US- amerikanischer Gitarristen. Im Rhythmus- wie im Solospiel sicher und äußerst varianten- wie ideenreich.

Am Fender Jazz Bass Todd "Buck Weed" Edmunds, ein Bassmann allererster Güte, das beweist er im Begleitspiel wie in den drei bis vier Soloeinlagen, für die er seine Zeit und seinen Raum bekommt.

Last but not least: Ed Michaels am Schlagwerk. Er trommelte bereits für Alvin Youngblood Hart. Mit ihm komplettiert sich diese Viererbande, sein Spiel sorgt für den nötigen Drive, immer mit guten Ideen und präzise pulsend wie ein gut geöltes Uhrwerk.

Diese Band ist keine Glamour- Showtruppe und nur auf Effekte und Gimmicks aus, sie arbeitet körperlich hart für ihre Musik. Das hörbare Ergebnis trägt dem Rechnung. Kein Titel ist hier unter zehn Minuten, die Jungs geben alles und alles, was und wie sie es geben, ist schlichtweg klasse. Großes Konzertkino.

Zirka 2, 5 Stunden reine Spielzeit, das volle Programm, die volle Breitseite, die investierten 10 Euro Eintritt sind jeden ihrer Cents wert.

Das weiß auch das Publikum und klatscht und johlt noch eine Zugabe herbei, die kommt auch prompt: «Loving Eyes». Der beste Schlusspunkt zu einem rundum mehr als gelungenen Konzert allererster Güte. Und in übervoller Länge.

Fazit: Jason Ricci & New Blood ist immer eine kleinere, mittlere oder auch längere Reise wert, darum unbedingt nicht verpassen.

Text und Fotos 2009 Tony Mentzel

Tony Joe Gardner
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„Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs

"A balance between things that you know people will like and things that you think people will like." - John Peel

fritzcat ( gelöscht )
Beiträge:

09.06.2009 05:02
#2 RE: Jason Ricci & New Blood am 07.06.2009 im Café de Weegbrug, Roermond (NL) antworten
Mein lieber Freund und Kupferstecher,

Du hast einen Schreibstil, der kaum überbietbar ist, inhaltlich exakt und von extremer sprachlicher Güte, 1a - das wollt ich mal erwähnen*!!

Gruß n`Blues
Ed

*schleimen liegt mit fern, muss das einfach mal sagen - fertig aus, Mickey Mouse!
HRVolker Offline




Beiträge: 727

10.06.2009 18:03
#3 RE: Jason Ricci & New Blood am 07.06.2009 im Café de Weegbrug, Roermond (NL) antworten

Tach zusammen,

Tony hat ja schon einiges beschrieben, was sich abspielte, aber von mir ( muß das sein? ja muß ) noch einzwei Buchstaben dazu.

Zum ersten Mal in meiner nun auch schon seit knapp 40 Jahre währenden Karriere als Musikkonsument in Hörform und seit knapp 37 Jahren in Hör – und Seh – und Erlebform hörte und sah ich am vergangenen Sonntag zum ersten Mal ein Symphoniekonzert, wurde ja mal Zeit, aber gerechnet habe ich bei dieser Band nicht unbedingt damit, aber es begab sich so.

Zwar ohne Pauken und Trompeten und singschreiende Damen, ohne im Himmel hängende Geigen und tenorröhrende Herren, dafür mit einer Mundharmonikasymphonie und einer Mundharfe, an und mit dessen Luftkanälen Mister Jason Ricci Töne erspielte, die ich teilweise aus diesem Instrument so noch nie konsumieren konnte, zwar mit Unterstützung von allerlei Effektelektronik und bearbeiteten Stimmzungen und Stimmplatten, aber je mehr Ricci desto Harp! Eine Harpsymphonie!

Und dann noch dieses neue Blut dazu, diese Band New Blood, wieder mal so eine Truppe aus den USA, die dir durch ihr Können die Spaßfalten in das Gesicht tätowiert.

Neben Jason Ricci an der Harp und beim Gesang waren da noch Shawn Starsky an der Gitarre und was für eine, je Starsky desto Fender, Todd Edmunds am Bass und was für`n Rhythmussaiter, je Todd desto Bass und am Schlachzeuch Ed Michaels, je Ed desto Groove.

Ouvertüret wurde das Ganze um 17 Uhr mit einem Instrumental, in dessen Verlauf außer dem Schlagzeuger jeder solierte, der durfte beim nächsten Stück dann ein paar Minuten alleine punkten. Und während des ersten von allen heute gespielten mindestens Zehnminüters war ich mir sicher, das wird ein Konzert der Güteklasse unglaublich gut, das geht gar nicht anders bei dem bis hier hin gehörten.

Schon wieder.

Das mit Rock, Blues, Klassik, Punk, Funk und noch anderen Musikstilen lebende, mit der Harp im Mittelpunkt stehende Gebräu brodelte so zwoeinhalb Stunden im Cafe de Weegbrug in Roermond, Besitzerin Truus, ihre vorzügliche Crew und alle anderen, ca.100 an der Zahl Zuhörenden hatten Spaß und Freud und belohnten die Musiker nach jedem Einsatz mit frenetischem Beifall.

Beim einem Stück, dem Klassiker Mellow Down Easy, geschrieben von Willie Dixon, aber besonders bekannt geworden durch Harmonikagigant Little Walter und seine Kollegen Carey Bell und Paul Butterfield, ging der Punk ab, ab und an auch der Funk, was für eine Orgie ohne gemeine Töne, von piano bis forte, von Stillem Wasser bis Niagara.

Ptryptophan Pterodactyl gab`s auch inmitten, ein Instrumental in Richtung Latin und Enlightenment, ein Instrumental mit Walzer und Polkaanklängen, auch eine Prise Jahrmarktmusik beinhaltet dieses Meisterwerk der Suck – and Blow Abteilung.

Zwischendurch blitzte natürlich auch immer wieder das fenderistische Können von Shawn Starsky auf, ein Saitenkünstler, der besonders bei Blue And Lonesome, einer Ford Blues Band Offenbarung, sein Meisterstück ablieferte.

Und immer wieder diese Riccivorführungen, man, was für Töne, ich kenne außer Howard Levy, der auch jenseits von Gut und Böse harmoniert, keinen vergleichbaren Harmonikaspieler, fast nicht von dieser Welt.

Auch seine Stimme macht ganz schön was her, hat vieles drauf, rappig, bluesig, rockig, funkig, von Stecknadelfallleise bis Marktschreierlaut, mir fällt dazu nix mehr ein.

In der Pause wurden vier verschiedene CD`s zum Weltwirtschaftskrisebekämpfenden Preis von 40 € angeboten, ein Angebot zum Nichtausschlagen, zwei für mich, zwei für Kumpel Jürgen.

Noch was.

Bei einem kurzen Gespräch mit Jason vor dem Auftritt erfuhren wir, das seine Vorbilder u.a. Little Walter und der leider nicht so bekannte Pat Ramsey wären, Ramsey brillierte aber auf drei Solo CD`S und beim Johnny Winter Album White, Hot And Blue, er verstarb leider im letzten Jahr.

Gruß aus Hilden und Lob an Tony für seinen ja so war`s Bericht,

HRVolker

http://volkerseinezeilen.blogspot.com/

http://volkerfroehmer.wordpress.com/

Gardner Offline




Beiträge: 2.321

11.06.2009 17:18
#4 RE: Jason Ricci & New Blood am 07.06.2009 im Café de Weegbrug, Roermond (NL) antworten

Tony Joe Gardner
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