Um 18Uhr betrete ich den Raum unter der Bühne des «Tatort» in Übach, übrigens eine tolle Location, die ich mir bei Gelegenheit noch mal genauer anschauen werde. Ich habe einen Interviewtermin mit TEN YEARS AFTER.
Leo Lyons Wir müssen eben noch zum Soundcheck. Setz dich, nimm dir was zu essen, guck mal, was im Kühlschrank ist, wir sind gleich zurück.
So sitze ich nun an diesem langen Tisch Backstage von TEN YEARS AFTER und gehe noch mal meine Fragen durch. Über mir ertönt der Eingangsriff von «Love Like A Man», die ganze Band setzt ein. Hier bin ich richtig, hier fühle ich mich zu Hause. Nach etwa 15 Minuten kann das Interview beginnen. Allerdings unter erschwerten akustischen Bedingungen: Der Catering- Service ist eingetroffen, da werden Rechauds aufgebaut, Deckel unter lautem Getöse geschlossen, lauthals Anweisungen gerufen. That’s life…
JJBR Eure neue CD heißt «Evolution». Wie seid ihr auf diesen Titel gekommen?
Leo Lyons Die meisten Songs auf dieser CD handeln von Liebe, L-O-V-E (Leo buchstabiert das Wort), das sind die ersten vier Buchstaben von «EVOLution» rückwärts gelesen, darum sind sie auf dem Cover auch in Rot gedruckt. Und zufälligerweise handeln alle die Songs von der Liebe.
JJBR Und ihr habt alle Songs darauf selbst geschrieben?
Leo Lyons Ja, alle.
JJBR Wie geht das Songwriting bei euch vor sich?
Leo Lyons Das kommt ganz darauf an, für gewöhnlich setzen Joe (Gooch) und ich uns zusammen, dann kommt die Band dazu, wenn wir proben. Ein paar der Songs sind auch ein reines Band- Produkt. Irgendwann hat man dann genug beisammen, manchmal steht man einfach unter Druck, neue Songs zu schreiben, weil man eben eine neue Platte herausbringen muss. Ich bin es gewohnt zu schreiben, das habe ich schon lange gemacht. Aber diese CD wurde quasi erst in der letzen Minute fertig, wir waren sehr lange auf Tour und hatten keine Zeit dafür. Aber wir brauchten ein neues Album. Jeder fragte: „Wann gibt es denn etwas Neues von euch?“ Joe und ich haben uns dann im Zeitraum eines Jahres vier, fünf Mal zusammengesetzt und haben eine Menge Material gesammelt.
JJBR Wie wichtig sind die Texte für dich?
Leo Lyons Ich denke, sie sind wichtig in dem Moment, in dem du sie schreibst. Das kann eine ganz persönliche Sache sein oder von einem Buch kommen, das du gelesen hast oder von einem Film, den du gesehen hast oder von irgendetwas anderem. Es kann aber auch eine Kombination von allem sein. Und manchmal reimt es sich sogar (lacht). Ich denke, wenn du Glück hast beim Schreiben, nimmt es eine eigene Identität an, bekommt ein Eigenleben, wenn du es sich lange genug entwickeln lässt. Du bist dann fast eine passive Person, die das nur niederschreibt. Aber es kann auch passieren, dass Songs in ein paar Minuten fertig sind, andere wiederum brauchen ein Jahr.
JJBR Wie seid ihr mit Joe zusammengekommen?
Leo Lyons Da fragst du besser Joe.
Joe Gooch Ich habe ihnen eine Demo CD geschickt. Das heißt, ich habe sie Ric (Lee) geschickt. So hat des angefangen.
JJBR Wie alt warst du damals?
Joe Gooch 26.
JJBR Also erst nach den großen Erfolgen von TEN YEARS AFTER…
Joe Gooch Ja, ich bin 1977 geboren.
JJBR Wann hat sich TEN YEARS AFTER damals getrennt, war das 1974?
Leo Lyons Ja, so in etwa 1974/1975. Wir hatten eine Zeit lang Pause. Wir haben noch eine Tour durch Amerika gemacht und danach nichts mehr, vielleicht 10 Jahre lang, dann waren wir mal wieder ein paar Tage zusammen, dann wieder nichts in fünf Jahren, dann haben wir uns wieder getroffen und ein Album aufgenommen. Das war’s dann. Ja, so um 1975, «The writing was on the wall», wie man so schön sagt.
JJBR Dachtest du, die Zeit für eure Art von Musik wäre damals vorbei?
Leo Lyons Meine ganz persönliche Sicht ist, dass ich, als ich 27 Jahre alt wurde, dachte, ich wäre bereits zu alt dafür. Es hat mich nicht allzu sehr getroffen, als die Band anfing auseinander zu fallen. Ich dachte: „Dann war es das eben.“ Naja, ich habe weiter in Studios gearbeitet, habe andere Bands produziert, habe weiter Songs geschrieben. So bin ich der Musik treu geblieben, habe aber nicht mehr mit dem Gedanken gespielt auf Tour zu gehen. Nein, daran habe ich wirklich nicht mehr gedacht. Dann fing ich doch an, dies ein wenig zu vermissen und ich hatte einige kleinere Auftritte mit meiner eigenen Band «Kick». Getourt haben wir nur wenig, Und dann vor fünf, sechs Jahren rief mich Ric an und fragte an, ob wir einen amerikanischen Bluesgitarristen auf einer Tour durch Italien begleiten könnten. So fing es dann wieder an, mir Spaß zu machen. Ich habe das auch nur gemacht, weil – ich lebe in Nashville – nun, ich wollte mal raus aus Nashville und ich liebe italienisches Essen, das waren die Beweggründe. Ich habe damals überhaupt nicht daran gedacht, wieder als TEN YEARS AFTER auf Tour zu gehen. Das hatte ich abgehakt. Aber das war es denn doch nicht. Die Leute kamen, um die Band zu sehen und wollten die alten TEN YEARS AFTER Nummern, die wir damals nicht spielten. So muss es wohl gekommen sein.
JJBR Was lässt euch weiter machen mit all den Tourneen?
Leo Lyons Ich kann nicht für alle sprechen, aber nachdem ich wieder angefangen hatte, machte es auch wieder so richtig Spaß, Live Shows zu spielen. Ich habe das als Chance gesehen, es hätte auch schief gehen können und jetzt sind wir doch schon wieder seit fünf Jahren unterwegs. Es war kein finanzielles Ding oder so was eher das Gegenteil, ich mag es einfach…
JJBR …eher so ein innerer Motor?
Leo Lyons Ja, genau, so was in der Art. So was zieht dich mit, denke ich. Ja.
JJBR Einmal auf der Bühne – immer auf der Bühne?
Leo Lyons Ja, aber alles dazwischen mag ich überhaupt nicht: Flughäfen, andere Städte, von meiner Familie fort zu sein und solche Dinge. Es ist nur diese kurze Zeit auf der Bühne, die ich genieße. Die Leute wollen wirklich TEN YEARS AFTER hören und das hat uns alle den Antrieb gegeben wieder auf die Bühne zu gehen und zu spielen.
JJBR Ich habe mir eure Tourpläne angeschaut und überall steht: „Ausverkauft, ausverkauft, ausverkauft.“
Leo Lyons Ja, das zieht sich so durch…
JJBR Das ist doch wunderbar…
Leo Lyons Ja, das ist wunderbar. Was auch schön ist, ist, dass viele junge Leute zu den Konzerten kommen, die die Band noch nie gesehen haben oder nie etwas von ihr gehört haben. Vielleicht haben Freunde ihnen davon erzählt, vielleicht haben sie den Film über Woodstock gesehen. Das ist gut.
JJBR Ich habe im Auto ein Exemplar eurer LP «Cricklewood Green». Könntest du sie mir nachher signieren? Dieses Album bedeutet mir sehr viel. Es bringt mich zurück in eine frühere Zeit. Das erste Mal ohne Familie in Frankreich unterwegs. All die Feten. Und «Love Like A Man» war dort der große Renner.
Leo Lyons 1970? Ja, das war der «Summer Of Love». Ja, das waren großartige Zeiten, wunderbare Zeiten.
(Beide lachen)
JJBR Hast du noch Kontakt zu Alvin (Lee)?
Leo Lyons Nein, nicht wirklich. Ich habe zwar noch mit ihm gesprochen, ich lebe in Nashville, er in Spanien und ich hätte das Gespräch gemieden, hätte er nicht angerufen (lacht kurz). Er war nicht so ganz glücklich mit dem, was wir tun. Aber er wollte es ja auch selbst nicht in Angriff nehmen.
In der Zwischenzeit ist das Essen angerichtet..
JJBR Ok, danke dir, ich will dann auch nicht länger stören. Ihr müsst jetzt essen.
Leo Lyons Och, kein Problem, ich werde jetzt mein vegetarisches Essen zu mir nehmen. Bleib ruhig hier. Wenn du gleich noch Fragen hast, ich bleibe so wie so da, ich gehe nicht ins Hotel. Nimm dir etwas zu essen, das schaffen wir eh nicht alles (lacht).
JJBR Oh, danke, die Einladung nehme ich gerne an.
So kommt es, dass ich die restliche Zeit bis zum Konzertbeginn mit Leo Lyons und Joe Gooch, dem Tourmanager und dem Stagehand und Gitarrentechniker Tom verbringe. Ric Lee und Chick Churchill ziehen sich nach dem Essen zurück. Joe Gooch macht Fingerübungen auf seiner Gitarre, unverstärkt. Seine Finger fliegen über das Griffbrett: Skalen hinauf und hinab. Leo schnappt sich seinen Bass und tut es ihm gleich. Es wird viel erzählt und gelacht, es ist eine spannende, schöne und entspannte Atmosphäre, die ich sehr genieße. Eine solche Gelegenheit, mit derartigen Musikern von Weltrang Zeit verbringen zu dürfen, kommt nicht alle Tage. Der Recorder bleibt derweil ausgeschaltet.
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Tony Joe Gardner __________________________________________________ „Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs
"A balance between things that you know people will like and things that you think people will like." - John Peel
Vielen Dank für das schöne Interview. Es ist schon was Besonderes solche Größen aus der Musikgeschichte persönlich zu treffen und sogar von ihnen zum Essen eingeladen zu werden.
Hallo Gardner! Als Erstes sehe ich immer nach, ob wieder ein neues Interview bei euch im Forum ist und siehe da es gibt schon wieder eins! Ten Years After ist ja eine richtige Weltklasseband die schon damals bei Woodstook war. Ich staune, darüber daß sie keine Leute dafür haben, die die ganzen Instrumente auf der Bühne aufbauen und daß sie sogar selbst den Tourbus fahren. Bei so einer weltberühmten Band denkt man ja daß sie ihre Leute dafür haben und sich bedienen lassen können. Es war interessant etwas aus der Geschichte der Band zu erfahren allerdings hätte ich gern noch gewußt warum Alvin Lee eigentlich nicht von neuem mitgemacht hat. Der Leo Lyons scheint echt gut drauf zu sein. Ich warte jetzt schon auf das nächste Interview von euch. Gruß von Dorah
Schön, dass dich die Interviews so interessieren. Es werden derer sicher noch einige folgen.
Warum Alvin Lee nicht mehr bei der Band ist, sollte man ihn besser selbst fragen. Sollte ich je Gelegenheit dazu haben, werde ich dies gewiss tun. Es hat nach Auflösung der Band 1974/1975 diverse Reunions auch mit Alvin Lee gegeben. Nach der Letzten war seine Aussage, die Trennung sei nun definitiv. Die drei verbliebenen Mitglieder von TYA haben ihn natürlich erneut gefragt, aber er hat weiterhin abgelehnt, obwohl die Publikumsnachfrage zur Zeit, wie sich gerade zeigt, riesig ist.
Mit Bands ist das wie in anderen Beziehungen: Wenn einer der Beteiligten plötzlich nicht mehr will (aus welchen Gründen auch immer), ist das ganze Projekt, so ideal besetzt es auch sei und so gut es auch funktioniert haben mag, in seiner Ursprungsform gescheitert.
Eine kleine Korrektur an deinem Kommentar sei mir gestattet: TYA fahren nicht selbst den Tourbus und haben auch Hilfe beim Bühnenaufbau, die Band, auf die sich dies bezieht, ist die Wentus Blues Band, die ich in einem anderen Interview einen Tag zuvor vorgestellt habe. Da mag jetzt etwas durcheinander geraten sein.
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Ten Years After hab ich in dem Woodstockfilm schon klasse gefunden. Aber funktioniert das den wirklich ohne Alvin Lee. Kann ich mir nicht so vorstellen. Ich find es gut, das diese Band aus den sechzigern immer noch auf Tour ist, so können auch die jungen sie noch hören und die alten freuen sich bestimmt.
Hier eine Bezugsquelle für Musik von Ten Years After:
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