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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Konzertberichte
Blue Bayou Offline



Beiträge: 1.115

05.08.2008 13:33
33. Barden - Festival in Nürnberg 01.-03.08.2008 antworten
33. Nürnberger Barden - Festival 01.-03.08.2008

Die ganze Stadt war eine Bühne...

Gut, dass ich meine allerbequemsten Sandalen dabei hatte, Sonnenbrille, Programmheft, Notizbuch, Wasserflasche und die große Umhängetasche mit viel Platz innen.

Denn das 33. Nürnberger Bardenfestival verwandelte die Stadt am Wochenende drei Tage lang in eine große Freilichtbühne mit überaus mehr als den erwarteten 250.000 Besuchern.
Insgesamt traten 60 Bands( ! ) aus aller Welt auf - von Russland über Österreich, Finnland bis hin zu den USA.

Zu sehen gab es die einzelnen Gruppen auf sieben Bühnen, die über die ganze Altstadt Nürnbergs verteilt waren, wie beispielsweise am Hauptmarkt, auf der Insel Schütt, in der Katharinenruine, im Kreuzigungshof oder am Sebalder Platz.
Viele hundert Straßenmusikanten buhlten zudem auf den Plätzen und in den Gassen der Altstadt um die Gunst des Publikums, teilweise mit überlappender Akustik.

Das Spektrum des Weltmusik-Festivals reichte von der bayerischen Volksmusik der «Biermösl Blosn» bis zum authentischen Blues aus Mississippi, bei dem es so passend schwül war wie im tiefsten amerikanischen Süden.

Da hatte nämlich die ehrwürdige Music Maker Blues Foundation zur Bühne geladen, um die eigene Arbeit vorzustellen, nämlich alte, mitunter schon halb vergessene US-Bluesmusiker wieder ins Rampenlicht zu locken.
Kann man sich darunter so eine Art «Buena Vista Social Club» der Südstaaten vorstellen?
Ja, das könnte man so sagen.
Und mit beileibe nicht weniger Unterhaltungseffekt.
Es ist wunderbar, wenn ein 69-jähriger schwarzer Lulatsch wie «Alabama Slim» als «this young man» präsentiert wird. Hahaha!
Und es ist großartig, wenn dieser dann, mit glänzender, dicker Pomade im Haar und unverbrauchter Wucht in den Händen, in seine E-Gitarre greift.
Oder wenn der schon äußerlich als Spaßmacher erkennbare alte Haudegen Adolphus Bell den „König der Ein-Mann-Bands“ gibt und alle Instrumente selbst bedient – mit einer rot/weißen „Königskrone“ auf dem Kopf.
Zum Glück gibt es noch so verrückte Typen wie ihn, der die alten Juke-Joint-Tänze mit beeindruckendem Hüftschwung den staunenden Zuschauern demonstrieren kann.
„Mississippi Rubber Leg“ hieß dieser Tanz zum Beispiel und dann gab er noch den „Georgia Mash Potato“.
Das war auch ein Tanz, bei dem nicht nur ich mich lachend fragte: „Hat man etwa so einst Stampfkartoffeln zubereitet?“
Eine tolle Sache war das und ein großer, mitreißender Spaß.

Ja, es war richtig, wichtig und wunderbar, dass der Gitarrist Tim Duffy Leute wie Adolphus Bell und seine betagten Revue-Kollegen und Kolleginnen aus der Versenkung geholt hat, um sie noch einmal ins Studio und auf die Bühne zu bringen.
Gemeinsam mit dem begeisterten Publikum feierten sie den alten, knorrigen Mississippi-Blues, mal so gemütlich-rustikal wie mit dem 81-jährige Pianisten Eddie Tigner und mal so umwerfend lässig wie Alabama Slim mit seinem stoischen John-Lee-Hooker-Boogie.
Eindrücklich wurde hier vorgeführt, dass Blues eben nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung ist, die nichts, aber auch schon gar nichts mit dem Alter zu tun hat.

Und noch etwas ganz Besonderes gabs für mich in dem umfangreichen Programm: Songs zwischen „Himmel und Hölle“ von zwei starken Frauen im Grenzbereich zwischen Songpoesie und Blues: nämlich von der wunderbaren britischen Sängerin Joan Armatrading und ihrer amerikanischen Kollegin Sandy Dillon.

Ja, es braucht manchmal Künstlerinnen wie Sandy Dillon in ihrem grellgrünen Kleid samt schwarzem Netzhemd darüber und Joan Armatrading, wie immer schlicht schwarz gewandet,
die einen daran erinnern, dass der Blues auch im 21. Jahrhundert noch immer traditionsbewusst, aber auch zeitgemäss sein kann und immer noch so eindringlich, aber auch stilisiert und brutal ehrlich bis verzweifelt daherkommt.

Sandy Dillon, dieser weibliche Tom Waits, finster, schrill, extrem und völlig eigen, vermittelt Grabesstimmungen und seelische Achterbahnfahrten.
Wenn man weiß, dass sie selbst gegen den Krebs und eine Autoimmunerkrankung kämpfen muss, und dazu ihren ersten Mann jung verlor ( ihr 2. Ehemann Ray Majors war hier an der Gitarre zu sehen), so macht das ihren wilden, intensiven Blues nur noch umso eindringlicher.
Den Blues als ein Zeichen des Widerstandes und des Trotzes. Großartig.

Ach ja, und der Länderschwerpunkt des Festivals war in diesem Jahr Finnland.
Acht Bands mit teilweise kuriosen Instrumenten kamen herab aus dem hohen und kalten Norden, darunter auch die mächtig schrägen «Leningrad Cowboys», vor deren Bühne es am Samstag Abend kein Durch-, Rein- und Rauskommen mehr gab.
Eingekeilt in der Menge blieben wir auf halbem Weg im Pulk hängen.
Der Standort war ungefähr so gemütlich wie eine Fahrt zur Stoßzeit in der Londoner U-Bahn.
Vom äußersten Rand des Hauptmarktes konnten wir ab und zu lediglich die Frisuren der Cowboys erkennen, die über den bunt beleuchteten Bühnenrand hinausragten.

Finnischen Blues hatte die Band „Uusikuu“ im Gepäck und das kauzige Duo „La Sega Del Canto“ präsentierte sich mit Suppenlöffeln und Pump-Orgel, Schifferklavier und nicht zuletzt mit der namensgebenden singenden Säge.
Skurrile Einfälle, außergewöhnliche Ideen und die Tatsache, dass fast alles aus dem Rahmen fällt, machte die finnische Musik so unwiderstehlich und interessant.

Und was auch immer wieder unwiderstehlich war: das ganze Festival gab es tatsächlich gratis.
Schade nur, dass es nicht möglich war, zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten zu sein..


Blue Bayou
Rosie
Copyright Text und Fotos

P.S. Fotos gibts ab heute abend zu sehen....

Rosie`s website:
http://www.roswithageisler.de

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(* Frank Zappa )

Firehead Offline




Beiträge: 82

06.08.2008 14:39
#2 RE: 33. Barden - Festival in Nürnberg 01.-03.08.2008 antworten

Hallo liebe Rosie,

Du hast wirklich eine ganz besondere Art zu schreiben,
Eindrücke wiederzugeben - lebendig, witzig, informativ.
Man merkt - Du bist mit Herz und Seele dabei

Vielen Dank, dass ich aus der Ferne teilhaben durfte

Liebe Grüße vom ollen Feuerkopp
*Tina

PS : Auf die Fotos freue mich mich auch schon.

Blue Bayou Offline



Beiträge: 1.115

08.08.2008 20:06
#3 RE: 33. Barden - Festival in Nürnberg 01.-03.08.2008 antworten
So, hier sind jetzt ein paar Fotos....

Foto 1: Adolphus Bell, der König der Ein-Mann-Bands
Foto 2: Armin, Markus und Kugie im Kreuzigungshof
Foto 3: Besser man hat ein Sitzkissen dabei
Foto 4: Sandy Dillon
Foto 5: Echt Nürnberger Verpflegung
Foto 6: Strassenmusik
Foto 7: Nachts an der Lorenzer Kirche
Foto 8: Gillespie
Foto 9: Am Hauptmarkt
Foto 10: Nachts unterhalb der Burg
Foto 11: Nachts am Tiergärtnerplatz

Rosie`s website:
http://www.roswithageisler.de

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Angefügte Bilder:
Aldolphusbell.jpg   Kugieniedrig.jpg   Menschen.jpg   sandydillon.jpg   nürnberger.jpg   straßenmusik.jpg   Bardenstimmunghalb.jpg   Gillespiehalb.jpg   armatrading.jpg   burgnachts.jpg   tiergärtnerplatz.jpg  
Gardner Offline




Beiträge: 2.321

02.09.2008 13:43
#4 RE: 33. Barden - Festival in Nürnberg 01.-03.08.2008 antworten

Liebe Rosie,

was ich längst schon sagen, nein, schreiben wollte, wieder einmal ein toller Bericht, der einen mitnimmt mitten ins Geschehen, und so ist man dabei und das bei jedem Lesen erneut.

So muss es sein, so soll es sein…wann kommt dein nächster Bericht?


Tony Joe Gardner
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„Ich möchte Leute hören, die sich für bestimmte Sachen interessieren, die sich die Mühe machen, Sachen zu finden, die ich vielleicht sonst nicht hören würde. Die Stücke spielen, weil sie meinen, daß andere Menschen sie einfach hören müssen.“ - Alan Bangs

"A balance between things that you know people will like and things that you think people will like." - John Peel


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