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John Peel und ich. ( ein persönlicher und subjektiver Rückblick )
John Peel und ich haben eine Geschichte.
Die fing an in einem Sommer in den frühen 70er Jahren, als ich einen Teil meiner Sommerferien in den Niederlanden verbrachte. Damals kannte ich John Peel noch nicht. Hätte ich John Peel bereits gekannt, ich hätte immerzu BBC gehört. Das tat ich dann ab jener heißen Julinacht, in der ich mein beim Fahrradfahren verletztes Knie mit Eiswürfeln in einem Gefrierbeutel kühlte. Draußen grummelte ferner Donner, während ich mit einer kleinen Lampe auf der Ausziehcouch meines holländischen Freundes lag. Eine typisch holländische Wohnung in Amsterdam war das, mit gefühlten 93 Treppen und winzigen Durchgangszimmern, aus denen man auf die Gracht schauen konnte. Das war irgendwie so, jede Wohnung in Amsterdam hatte Durchgangszimmer – worum es hier aber nicht gehen soll.
Und weil mein holländischer Freund mit ein paar Kumpels unterwegs war und die Nacht so anheimelnd herzschmerzend, begann ich einen Brief an ihn zu schreiben. Hinterher waren es acht Seiten und ich fand mich sehr pointiert. Aber weil sich ein achtseitiger Some-kind-of-Liebesbrief in einer schwülen Gewitternacht nicht einfach so schreiben lässt, hatte ich das Radio angestellt. Und da kam es zu mir oder über mich: John Peel im Maida Vale Studio. The Radio Daze. Die BBC-Sessions. Ein Programm wie sein Name. Wie ein Schwamm sog ich jeden Track in mich auf. Und von da an waren John Peel und seine Sessions für mich wie ein weit geöffnetes Fenster ins musikalische Licht.
Jetzt muss ich noch mal ausholen, denn es hat ja einen Grund, dass viele dieser Lieder und Bands und noch viel mehr dieses Musik-Genres, bis heute meine Wohnzimmerregale füllt und schmückt. Ja, es gibt eine Unmenge Songs und Platten, von denen ich weiß, dass ich sie kenne, weil John Peel sie gekannt und mir vorgestellt hat. Es gibt sogar nicht wenige, die, wenn ich sie höre, ohne nachzudenken auswendig mitsinge. Das ist dann immer fast ein wenig gruselig, zugleich erfüllt es mich aber auch mit albernem Stolz. Meine mehr oder weniger bescheidenen Kenntnisse im englischsprachigen Rock und Blues verdanke ich indirekt auch den Brüdern Severiens. Denn weil deren Plattenregale voller Krudem und Unerwartetem waren, und sie stets die gleiche Meinung wie auch John Peel vertraten, nämlich „I just want to hear something, I haven’t heard before“ mussten sie sich dauernd was kaufen und wieder ausrangieren und irgendwie gerieten so auch einige schwer genießbare Platten in meinen Besitz, von denen ich ein paar nie öfter als einmal hörte. Trotzdem bevölkerten sie meine Plattenregale, neben den teils begeistert gehörten und den teils schwer verdaulichen, polarisierenden Vorschlägen des Herrn Peel. Meine Freundinnen wollten sporadisch die Longplayer ausgeliehen haben, um sich vor den Jungs ihrer Wahl als musikalisch kompetent beweisen zu können, wir ertranken zu den Platten in Liebeskummer oder schwebten durch die Rock-Galaxis, ich malte Demo-Plakate, während mir John Peel im Hintergrund Bands mit bösen Texten, gepaart mit einem Doo-wop-Schunkelsound vorstellte, batikte Tischdecken und Blusen, strich meine erste eigene Wohnung, brühte Jasmin-Tee auf und pustete meine dunkelrot lackierten Nägel trocken – und was Mädchen in den sorglosen 70er und 80 Jahren sonst so machten.
Ja, die 80er Jahre, da müsste man auch mal was drüber schreiben. Komische Zeit, damals.
Die BBC Sessions jedenfalls wurden dann Anfang des neuen Jahrtausends eingestellt. John Peel starb. Ooooh, machte es da in meinem Innern. Nie mehr John Peel`s Sessions „on air“, in denen seine komplexen, überwältigenden oder schrägen Entdeckungen versammelt wurden. Keine nächtelangen, analysierenden Diskussionsrunden mehr mit dem Musikwahnsinn aus dem Radio. Und keine Möglichkeit der Häme mehr bestimmten onkelhaften Typen gegenüber: „Wie, diese Band kennst du nicht?! Die kennt doch j-e-d-e-r!“ Jedenfalls jeder, der Herrn Peel und seine jährliche Bestenliste Festive Fifty kannte.
Später habe ich dann erfahren, dass seit 1967 über 4400 Sessions entstanden waren. Und gut, dass ich jetzt auch weiß, dass nach Peels Tod noch zahlreiche Bänder aus den Archiven gezogen und auf Tonträger gebannt wurden. Andernfalls hätte meine mir eigene Verbohrtheit dazu geführt, dass ich angefangen hätte, den Radio-Sendungen meines alten Freundes John Peel, der für mich auch immer wie ein Zeitgenosse im emphatischen Sinne war, ewig nachzutrauern. Aber so kann ich mich auch heute noch jedes Mal, wenn mir danach zumute ist und ich im Vergangenen schwelgen möchte, davon trösten lassen. Denn eine Geschichte zu erzählen und dazu Musik zu spielen, ist das Beste, was es gibt. Egal was war oder was ist oder was sein wird.
Viele Grüße von Rosie Rosie`s website: http://www.roswithageisler.wordpress.com
______________________________________________________________ Information is not knowledge. - Knowledge is not wisdom. - Wisdom is not truth. - Truth is not beauty. - Beauty is not Love. - Love is not Music. - MUSIC IS THE BEST. (* Frank Zappa )
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